Abenteuer in der Mark
Es ist schon etwas länger her, seit ich das letzte Mal mit meiner Kamera ausgezogen bin, um mich und die Welt mit neuen spektakulären Aufnahmen zu beglücken. Weil aber Gutes Zeit braucht, nahm es etwas mehr davon in Anspruch die letzten Bilder aufzubereiten und eine kleine Auswahl davon zu veröffentlichen.
Auch dieses Mal hatte ich, wie auch schon beim letzten Mal, freundliche personelle Unterstützung dabei, die mir bei unserer Expedition in die brandenburgische Wildnis den Rücken deckte. Der Abenteuergeist führte uns dabei in eine Geisterstadt im Nordwesten der Hauptstadt, die, erbaut vor Unzeiten, nun in ihrer Existenz dahinrottete. Bei unserer Abenteuerreise durch die Mark lernten wir die rauen Seiten der Streubüchse kennen, mussten dabei Wachschützer überwinden, durch feuchte, dunkle Räume in zerfallenden Gebäuden hindurchexpedieren, um anschließend noch gerade rechtzeitig den wohl letzten und auch einzigen, in dieser Region Deutschlands verkehrenden Zug nach Hause zu erwischen…
Alles begann jedoch bei bestem Osterwetter im Herzen der Hauptstadt. Ein junger, ambitionierter Photograph war auf dem S-Bahn-Weg durch die Berliner Mitte in Richtung Spandau unterwegs. Von Zeit zu Zeit hob er seine wahrscheinlich brandneue Spiegelreflex mit dem Megazoomobjektiv vors Gesicht, um die, vor dem Fenster vorbeirauschenden Sehenswürdigkeiten einzufangen.Mit nahezu stoischer Geduld und Ruhe ertrug er das Geschwätz der beiden Beknackten, die sich auf den Sitzen neben ihm über die Eigenarten Berliner Straßenfeste austauschten. Lautstark austauschten.
Direkt ihm gegenüber saß ich. Hinter meinem Fahrrad verschanzt und mit großer Konzentration, aber geringem Erfolg versuchte ich eben jenes Gespräch auszublenden. Mein Ziel am heutigen Tag war das Olympische Dorf nahe der B1 westlich von Falkensee.
Gebaut für die Athlethen der Olympischen Spiele 1936, die im Zeichen des Reichsadlers auf seinem kleinen gezackten schwarzen Stern in Berlin stattfanden, liegt es seit Ende der militärischen Nutzung durch die Sowjets Anfang der neunziger Jahre verlassen zwischen dem kleinen Ort Dallgow-Döberitz und dem noch kleineren Ort Elstal da. Vom S-Bahnhof Spandau, den ich nach einer gefühlten Ewigkeit in Begleitung der zwei (immer lauter gewordenen) Volksfestexperten erreichte, sind es nur etwas mehr als 15km bis zum Eingangstor des Olympischen Dorfes. Geschätzt.
Von Spandau, wo mein Expeditionspartner zu mir stieß, ging es über Nebenstraßen, Mercedeswerkstatthöfe und Hauptverkehrsachsen raus nach Brandenburg. Ich hatte vorsichtshalber Essen mitgenommen… Um das Fahren auf einer Bundesstraße zu vermeiden, das ja schon für Autofahrer gefährlich genug war, wählten wir den Weg durch die Döberitzer Heide. Dass die Wege in diesem Park eher nicht für Fahrradfahrer angelegt worden waren, erkannten wir am tiefen Treibsand, den wir trotz aller Widrigkeiten überwanden. Am Horizont erkannten wir einen Obelisken, der uns über die Heidewälder hinweg beobachtete.
Nach der wenigstündigen Fahrt zum Olympischen Dorf, erreichten wir die Pforten schließlich. Nachdem es über mehrere Jahre hinweg einfach vor sich hin zerfallen ist, wie so viele andere Gebäudekomplexe in Berlin und Umland, hat die DKB Stiftung für gesellschaftliches Engagement seit 2005 die denkmalpflegerische Schirmherrschaft über das Dorf übernommen.
Um nun ins Dorf hinein zu gelangen, mussten wir zunächst dem wegelagernden DKB-Wächter der historischen Stätte ein Opfer darbieten. Erst als wir den Euro freiwillig hergegeben hatten, konnten wir unbehelligt passieren. Mit unserer Spende leisteten wir übrigens einen Beitrag zur Sanierung und damit zur Erhaltung dieser Stätte lebender Sportgeschichte.
Unser erstes Ziel war die Turnhalle, deren Parkettboden nach mehr als 80 Jahren immernoch besser aussieht als der Boden unserer Schulturnhalle. Zwar hat das Pferd, wie im Bild vielleicht zu erkennen ist, schon bessere Tage gesehen. Aber wahrscheinlich sehen alle Seitpferde, so der Fachterminus, auf denen der Goldmedaillengewinner Konrad Frey für das Deutsche Reich Gold gewann, so aus.
Dem Deutsche Reich, das nach den Olympischen Spielen mit einer Medaillenausbeute von 89 Medaillen (davon 33G, 26S, 30B) mit deutlichem Vorsprung vor den USA (56 Medaillen) und der drittplatzierten Nation Ungarn (16 Medaillen) lag, passten die Erfolge von Olympia natürlich gut, bewiesen sie doch die eindeutige Überlegenheit der arischen Menschenart über alle anderen.
Dumm nur, dass der herausragende Athlet der Spiele nicht so blond war, wie man sich das im Propagandaministerium gewünscht hätte.
Während wir nun anschließend ehrfurchtsvoll an der Aschenbahn (die ja tatsächlich aschefarben war!) entlangschritten, gedachte ich dem ersten Leichtathleten, der bei olympischen Spielen Goldmedaillen in vier Wettbewerben erringen konnte: Jesse Owens (100m, 200m, 4x100m Staffel, Weitsprung).
Sorgfältig im Vorfeld über die Örtlichkeiten im Olympischen Dorf informiert, besichtigten wir auch das Haus der Nationen, in welchem jedes Land seinen sehr eigenen Speisesaal besaß. Bruderland Italien natürlich auch.
Nachdem die Olympischen Spiele vorüber waren und alle Olympioniken abgezogen waren, hatte das Olympische Dorf erst während des Zweiten Weltkriegs wieder Bewohner. Es war zum Lazarett umgerüstet worden, das durch die Wehrmacht und später dann auch durch die Rote Armee genutzt wurde.
Den Russen gefiel es so gut, dass sie dablieben und taten, was sie immer tun, wenn sie Wohnraum brauchen: Sie bauten ein paar
formschöne Platten auf, die selbst nach Jahren der Nutzung und des darauf folgenden Leerstandes noch heute den gleichen ranzigen Charme versprühen, der sie schon bei ihrer Errichtung veraltet aussehen ließ.
Während wir auf unserer Expedition immer weiter in die verlassene Stadt eindrangen, ließen wir es uns nicht nehmen auch die (immer gleich aussehenden) Innenräume der (immer gleich
aussehenden) Gebäude drumherum zu inspizieren. Leider sah es drinnen in den allermeisten Fällen so aus, wie man es erwartet hätte: Immer gleich.
Zwar war das Olympische Dorf damals das erste, dessen Unterkünfte massiv errichtet wurden, doch die Schäden, die der Krieg angerichtet hatte, machten die Errichtung solcher Bettenburgen notwendig. Nur eine relativ geringe Anzahl der ursprünglichen Unterkünfte am Rande der Siedlung existieren in ihrer ursprünglichen Form.
Unser Weg führte uns langsam zu dem Ort, wo ursprünglich das Empfangshaus gestanden hat. Vorbei an Unterkünften und dann auch Lagerhallen, deren stahlgerippte Dächer nackt unter dem (zum Glück) wolkenlosen Osterhimmel lagen. In einer dieser Hallen begrüßten uns freundlich ein Staubsauger, der auf einer Mauer stand und einige offenbar ver- und wahrscheinlich durchgerostete Gaskanister.

Und ein Stuhl! Der schon wieder einfach so in der Gegend herumstand. Dass das hier nicht die erste Begegnung mit einem solchen Alleingängerstuhl war, die ich gemacht habe, werde ich an anderer Stelle näher ausführen.
Da ich so langsam die Tausend-Wort-Grenze überschreite, möchte ich nur noch eine Entdeckung schildern. Enttäuscht darüber, dass das Empfangshaus uns am Ende unserer Tour nicht verabschiedete, suchten wir dafür einen Ausgleich. Wir erreichten das Hindenburghaus, ein mehr als würdiger Abschluss einer abenteuerlichen Tour.
Natürlich waren alle Fenster vernagelt und abgesperrt. Alle? Nein, ein Fenster, das wir nach nur kurzer Suche entdeckten, ließ sich öffnen und uns ins Innere! Wir machten einen Abstecher in den, im oberen Geschoss gelegenen Theatersaal. Hier wurden während der Spiele tolle Propagandavideos gezeigt oder Theaterstücke zum Besten gegeben. Nach einer kurzen Inspektion des Dachstuhls gings dann wieder raus und nachdem wir das Fenster für nachfolgende Entdecker wieder sachgerecht angelehnt hatten, machten wir uns auf den Weg nach Hause.
Dass wir am Bahnhof gleich einen Zug bekamen, der uns von der Pampa direkt (und ohne Umweg durch die Döberitzer Heide) wieder in bewohnte Landstriche brachte, schmälert für mich nicht die exploratorische Leistung, die mein Expeditionskumpan und ich an diesem Tag vollbrachten!
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